IP Deutschland GmbH
IP Deutschland GmbH
SCHLAGWORTE ZUR NEUEN PROGRAMMSTRATEGIE
05.09.2019

Mehr Aktualität, kurzfristige Sondersendungen und mehr Live-Unterhaltung: Jörg Graf hat in seinen ersten Monaten zügig Akzente gesetzt. In seinem ersten DWDL-Interview erklärt der RTL-Geschäftsführer seine Strategie für den größten Privatsender.

Auszüge aus dem dwdl-Interview mit Jörg Graf vom 05.09.2019

Herr Graf, Sie haben im Februar die Führung von RTL übernommen und schon im ersten Halbjahr wurde spürbar: RTL hat offenbar mit diversen Sondersendungen zu aktuellen Themen sein Sendungsbewusstsein neu entdeckt …

Jörg Graf: "Wir haben begonnen, uns auf unsere Stärken zu besinnen. In den vergangenen Jahren wurden die Streamingdienste in Deutschland oft als Bedrohungsszenario für das lineare Fernsehen formuliert. Die neuen Anbieter haben eine über lange Zeit gefestigte Wettbewerbssituation sicherlich erstmal gut durchgeschüttelt. Das löste Überlegungen aus, wie man darauf reagiert. Viele Produzentinnen und Produzenten sind mit Ideen zu uns gekommen, die das kopieren wollten. Stichwort: Ihr müsst jetzt auch euer 'House of Cards' machen. Meine Haltung ist: Aktualität im Programm und Live-Fernsehen, mit dem ich gleichzeitig auf den Punkt sehr viele Menschen erreiche. Das ist eine Riesenstärke des Broadcasting und es liegt nahe, wenn man mehr als 700 Journalisten im Haus hat, die Kompetenz auch stärker zu nutzen. Was Sie als neue Lust beschreiben, ist viel mehr die Erkenntnis: Wir haben Power."

Die Voraussetzungen hatte RTL aber ja schon immer. Welcher Knoten ist denn geplatzt? Früher galt linearen Sendern das Programmschema doch als heilig.

"Mit dem Themenabend zum Tod von Niki Lauda fing es an, das war während der LA Screenings. Wir haben danach mehrfach aktuelle Sondersendungen ins Programm genommen und es hat funktioniert. Wir haben in der Tat einfach keine Furcht mehr, die im linearen Fernsehen traditionell sehr manifestierten Line-ups aufzubrechen. Es scheint erstmal kontraproduktiv, diese Verlässlichkeit ein Stück weit aufzubrechen. Möglicherweise gibt es auch Kollateralschäden, aber wir haben das eine höher bewertet als das andere und möchten in dem Bereich auch noch viel mehr machen. Wenn es ein aktuelles Thema gibt, über das Deutschland spricht, dann sollte die Debatte bei RTL stattfinden."

Sie wollen häufiger überraschen. Gilt das auch für die Findung neuer Programme?

"Ich will mich nicht allein auf Recommendation-Engines und Big Data verlassen und wünsche mir für unseren Sender, dass wir neue Programmentscheidungen nicht allein aus der Performance gelaufener Sendungen ableiten, weil das dann oft rückwärtsgewandte Absicherung ist. Ja, wir haben die erfolgreichsten Castingshows, mit 'Let’s Dance' die tollste Tanzshow, wir haben 'Bauer sucht Frau' und 'Wer wird Millionär'. Die klassische Fernsehtradition wäre jetzt, mehr davon zu machen. Ich sage aber: Lasst uns anders denken. Lasst uns die zehn absoluten No-Gos aufschreiben – also was man im TV auf keinen Fall machen darf – und aus der Situation heraus überlegen wir, was denn der nächste Kracher sein könnte. Ein richtiger neuer Hit ist nur der Überraschungshit, also ein Format, von dem man es vorher nicht erwartet hätte. Das hatten wir vor einigen Jahren zum Beispiel mit 'Ninja Warrior Germany'."

Und die Fiction gehört auch dazu, wo RTL schon diverse Ansätze verfolgt hat. Wie sieht Ihr Weg aus?

"Als Mainstream-Sender muss man aufpassen, dass nicht alle Programme in sich zu Mainstream sind, will sagen: Es braucht Ecken und Kanten und Charaktere, sowie Geschichten die im Kopf bleiben. Wenn ich mir einige unserer Serien anschaue, dann denke ich, dass wir da noch einen Zacken zulegen können. Ich glaube, dass wir in Teilen zu viel Leichtigkeit versucht haben und niemandem weh tun wollten, um möglichst alle Demografien zu bespielen. Und wir sollten uns horizontal erzählten Serien nicht verschließen, nur weil 'Deutschland 83' bei uns nicht ganz die Erwartungen erfüllt hat. International hat die Serie ja sehr gut funktioniert, und das Genre ist grundsätzlich nach wie vor sehr gefragt. Bei 'Alarm für Cobra 11' arbeiten wir mit Hochdruck daran, einen neuen Impuls zu setzen, und ich hätte gerne in der Neuentwicklung der Serien kantige Hauptfiguren. Interessanterweise fällt uns das im Unterhaltungsbereich ja viel leichter, wo manche Personalie stark polarisiert, eben weil sie aneckt."

Jetzt dauert die Entwicklung fiktionaler Projekte ja seine Zeit. Aber neben der neuen Aktualität dürfte ja Live-Unterhaltung das Schlagwort der Saison bei RTL sein, wenn ich Ihre Worte von den Screenforce Days richtig verstanden habe.

"(lacht) Ja, Live-Unterhaltung ist eines der Schlagworte dieser Saison, weil Live-Fernsehen eben eine besondere Qualität von Broadcasting ist. Technisch können das natürlich auch Streamingdienste, aber deren Refinanzierung funktioniert über das Produktversprechen, eine Sendung jederzeit gucken zu können. Das ist auch super, nutze ich selbst auch. TVNOW und auch die anderen Dienste, die es da gibt (grinst). Live-Unterhaltung ist aber die Verabredung zu einem fixen Zeitpunkt, um gemeinsam zu schauen. Sich auf das Risiko einer Live-Show einzulassen, bringt allen den Spaß am Fernsehen zurück, weil wir viel zu perfektionistisch geworden sind. Ich möchte auch mal von meinem eigenen Programm überrascht werden – und wenn man live geht, kann eben alles passieren. Und mich freut, dass so viele unserer Talente das ähnlich sehen. Man kann das ja nicht verordnen, aber ob jetzt Barbara Schöneberger, Thomas Gottschalk, Günther Jauch oder Joachim Llambi – die lieben live."
 

Das komplette Interview findet sich hier.

Ansprechpartner

Birte Babanek

Birte Babanek
B2B Marketing RTL, VOX, RTLplus & NOW!

+49 221 456-26870

E-Mail senden