IP Deutschland GmbH
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"WIR SAGEN, WAS WIR TUN
UND WIR TUN, WAS WIR SAGEN"
18.10.2019

Im Interview mit der F.A.Z. sprach Tanit Koch, Geschäftsführerin ntv und Chefredakteurin Zentralredaktion der Mediengruppe RTL, u. a. über den Aufbau der Zentralredaktion – dem Inhalteherz – und die Strategie dahinter, den Wettbewerb mit Google und Facebook sowie ihren journalistischen Anspruch.

Auszug F.A.Z.-Interview

Ich frage Sie nach dem Informationsprogramm der Sender, weil sie seit diesem Frühjahr Geschäftsführerin von ntv und Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion sind. Der Nachrichtensender ntv wird vielen ein Begriff sein. Aber was ist und was macht die "Zentralredaktion" von RTL?

Bislang hat die Mediengruppe RTL sehr erfolgreich in Sendungs-Formaten gedacht und gearbeitet. "RTL aktuell" und das "RTL Nachtjournal" zum Beispiel sind bei der jungen Zielgruppe bis 49 Jahre Marktführer. Das wollen wir bleiben und gleichzeitig digital wachsen. Mit der neuen Struktur können wir ein noch größeres Potential nutzen, weil wir in Ressorts nun Kräfte bündeln und Ressourcen freisetzen, die sich bislang auf viele unterschiedliche Sendungs-Redaktionen verteilen. Wir möchten unsere Stories optimal im TV und digital platzieren, um den Bedürfnissen der Menschen, die uns vertrauen, noch besser gerecht zu werden.

Das Informationsangebot von RTL speist sich bislang aus verschiedenen Kanälen. Es gibt die Tochtergesellschaft InfoNetwork, RTL Interactive, den Nachrichtensender ntv, das Team Wallraff und die Truppe von Jenke von Wilmsdorff. Hocken die demnächst alle in einem oder mehreren Newsrooms in Köln und Berlin und arbeiten alle für Sie?

Es gibt noch viel mehr Redaktionen, und es muss dort weiterhin Experten geben, die den Ablauf der Sendungen und den Aufbau des Digitalangebots komponieren. Was wir vorhaben, ist keine Quantenphysik: Wenn mehr Journalisten zusammensitzen, sitzt auch mehr Kreativität zusammen. Wir bauen Ressorts nach thematischen Schwerpunkten auf, dort wird recherchiert und produziert. Die journalistische Kompetenz ist da. Wenn wir sie vereinen, werden wir Wachstumsgeschichte schreiben. Und zwar nicht mit Einheitsbrei, sondern indem wir unterschiedliche redaktionelle Anforderungen definieren. Alles, was zum Beispiel die lange Erzählform braucht, darf nicht im Tagesgeschäft unter die Räder kommen. Aus einem tagesaktuell arbeitenden Ressort heraus ein halbes Jahr undercover die teils menschenunwürdigen Zustände in deutschen Psychiatrien zu recherchieren – das dürfte schwierig werden. Dafür gibt es Team Wallraff. Dann aber dranzubleiben, nachzuverfolgen ob die aufgedeckten Zustände sich ändern – das wird in der vereinten Struktur leichter.

Gibt es da so viel zu vereinen? ntv dürfte ein Kosmos für sich sein, RTL hat seine Nachrichten und ein paar Magazine.

Von wegen, bei RTL laufen werktäglich mehr als fünf Stunden journalistisches Angebot. Das wissen Millionen Zuschauer, andere aber denken bei RTL nur ans Dschungelcamp und an Dieter Bohlen. Ich habe großen Respekt vor jedem, der ein Massenpublikum unterhält, weil das verdammt schwierig ist. Doch die ARD wird auch nicht allein mit "Verstehen Sie Spaß" und das ZDF nicht nur mit Rosamunde Pilcher assoziiert. RTL und ntv sind relevante journalistische Player. Die Geschäftsführung und der RTL-Senderchef tragen diesen Kurs nicht nur mit, sondern forcieren ihn, um das lineare Programm aufzubrechen. Während in der ARD „Sturm der Liebe“ lief, hat RTL die Pressekonferenz von Horst Seehofer zur Sicherheitslage in Deutschland übertragen. Als Notre Dame in Flammen aufging, verdreifachte ntv den Tagesmarktanteil bei E14–59 – weil wir innerhalb von Minuten live aus Paris gesendet haben. Auf die Frage, warum kein "Brennpunkt" kam, twitterte ARD-Chef Rainald Becker an dem Abend, man mache kein "Gaffer TV": Diese Einstellung finde ich bei einem Wettbewerber ganz, ganz großartig. Möge sie ihm lange erhalten bleiben.

"Zentralredaktion" klingt so ein bisschen nach DDR. Muss das so heißen? Und gehören alle, die für die RTL-Gruppe in Deutschland journalistisch arbeiten, dazu?

Es geht um rund siebenhundert Journalisten. Wir sprechen deshalb intern vom Inhalteherz. Die Transformation zielt nicht auf Stellenabbau und Sparprogramm, sondern auf mehr Geschichten, mit denen wir mehr Menschen erreichen wollen. Das ist eine Mammutaufgabe, die wir nur bewältigen können, wenn alle mitziehen – in den Ressorts und Redaktionen. Dank dieser Kolleginnen und Kollegen kommen wir gerade trotz der Größe des Hauses beeindruckend schnell voran und haben dabei sogar Spaß. Das liegt auch am Vertrauensverhältnis zwischen den Chefredakteuren und im gesamten Team. Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen.

Dieses "Inhalteherz" soll dann alle Kanäle erreichen, nehme ich an – Fernsehen, Internet, soziale Medien. Wo wird Ihres Erachtens der journalistische Wettstreit um Aufmerksamkeit entschieden?

Überall dort, wo unser Publikum ist: Fernsehzuschauer, User, die AUDIO-NOW-Podcast-Hörer und die TVNOW-Streaming-Nutzer. Wir richten die Organisation darauf aus, zuerst in Inhalten zu denken, dann in Ausspielwegen. Denn es wird Plattformen geben, von denen wir jetzt noch gar nichts wissen. Journalisten müssen in der Lage sein, sich auf solche Veränderungen sehr schnell einzustellen. Was mich stört, ist die Lust an Untergangsszenarien in unserer Branche. Wir sehen bei RTL und VOX, aber auch bei ProSieben, dass Fernsehen weiterhin Eventcharakter hat. Die digitale Infrastruktur in unserem Land ist auch längst nicht so, dass alle Kinder nur noch YouTube gucken. Gleichzeitig besitzt ntv die meistgenutzte Nachrichten-App, rtl.de verzeichnet fünfzig Prozent Wachstum gegenüber Vorjahr und hat gerade die Tagesschau auf den dritten Platz im Social Media Ranking verwiesen. Anders ausgedrückt: läuft bei uns.

Das ist gut und schön, aber spielt journalistische Selbstorganisation in der digitalen Welt die entscheidende Rolle? Die wird beherrscht von Konzernen wie Google und Facebook, die per Algorithmus ganz grundsätzlich und ohne jede Transparenz darüber entscheiden, was wir online zu sehen bekommen. Ob mit Zentralredaktion oder ohne.


Die Monopolstellung von Google Search mit einem Marktanteil von 95 Prozent ist in der Tat schwierig. Was nicht auf der ersten Seite der Suchergebnisse erscheint, existiert de facto nicht. Wer klickt schon noch auf Seite 2? Damit müssen wir umgehen. Auffindbarkeit ist für uns auf allen Plattformen ein ganz wesentliches Thema.

Wir alle, Journalisten da und dort, sind Diener von Google und Facebook und zerbrechen uns den Kopf, wie wir die Gnade erfahren, von den Gatekeepern durchgelassen zu werden.

Ich würde Google und Facebook – nicht zu vergessen Apple und Amazon – nicht gleichsetzen und uns erst recht nicht als "Diener" bezeichnen. Aber die Dominanz ist da: Google ist Wettbewerber auf dem Werbemarkt, plaziert eigene Inhalte und kontrolliert zugleich den Zugang von externen Inhalten. Der Youtube-Algorithmus listet auch mal das kremlfinanzierte "Russia Today" an erster Stelle. Facebook hat noch größere Probleme, Journalismus von Desinformation zu trennen. Sie bauen nun eine Redaktion auf, um Artikel anerkannter Medien für eine News-Funktion zu kuratieren. Da bin ich gespannt. Wichtig ist: Wehklagen hilft nicht. Wir müssen einen guten Job machen und brauchen Fairness im Wettbewerb, also auch mehr Zugriff auf Daten zu unseren Angeboten, die im Silicon Valley gebunkert werden. An vielen Stellen ist der private Fernsehmarkt zudem überreguliert. Wir müssen Geld erwirtschaften, um unseren Journalismus zu finanzieren. Das wird uns unter anderem durch eine wenig flexible Werberegulierung erschwert. Und: Als ntv-Chefin brauche ich eine Lizenz, eine Aufsichtsbehörde, ein polizeiliches Führungszeugnis. Um einem unbegrenzten Publikum online Desinformationen zu unterbreiten, benötigt man bloß ein Handy und Netz.

Und wie weit sind Sie mit dem "Inhalteherz". Wann geht es los oder wann sind alle im Boot?

Wir sind mittendrin. In Teilen schlägt das Inhalteherz schon. Wir bauen Ressort für Ressort auf, testen, lernen, und wollten uns zeitlich nicht unter Druck setzen. Jetzt kommen aber Mitarbeiter und möchten, dass es schneller geht. Also arbeiten wir aktuell daran, dass wir bis Weihnachten mit allen neuen Ressorts im operativen Modus sind.
 

Das komplette Interview steht HIER zur Verfügung.

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Franziska Wünsch

Franziska Wünsch
B2B Marketing VOX, VOXup, ntv & NITRO

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