SELFMADE-FICTION IM FOKUS
19.09.2017

RTL startet in dieser TV-Saison sechs neue Serien. Neun weitere Stoffe werden gerade entwickelt. RTL Fiction-Chef Philipp Steffens spricht im großen DWDL.de-Interview über diese Offensive, die Perspektive für deutsche Serien, Autoren-Knappheit im Markt und mehr Geduld bei der Quote.

AUSZÜGE aus dem DWDL-INTERVIEW

Steffens aHerr Steffens, RTL hat zuletzt auf Prestigeprojekte wie "Deutschland 86" und die geplante "Hitler"-Serie verzichtet, aber es gibt in dieser Saison gleich eine Vielzahl neuer Serien. Braucht RTL in der Fiction weniger Leuchttürme und mehr Hausmannskost?

Hausmannskost trifft es für mich nicht. (überlegt) Aber um in Bildern zu bleiben: Ich rede meistens von der Torte mit der Kirsche oben drauf. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal darauf, dass uns eine große Torte gelingt. Wir hatten immer mal wieder Kirschen im Programm, da würde ich auch "Winnetou" dazu zählen, das beim Gesamtpublikum gut gelaufen ist. Aber wir wollen jetzt Basisarbeit leisten und beweisen, dass es uns ernst ist mit deutscher Fiktion.

Das merkt man. Es soll ja nicht nur bei den jetzt vorgestellten Serien-Projekten für diese Saison bleiben …

Genau. Sie hatten ja vor einigen Monaten schon mal vorab von unserer neuen Serien-Ausschreibung berichtet. Da haben wir auf kreative Art und Weise Produzenten angesprochen und konnten uns über tollen Rücklauf freuen. Wir haben aus 122 Einreichungen neun vielversprechende Serien-Formate ausgesucht; fünf Serien und vier Sitcoms. Hier arbeiten wir nun mit den unterschiedlichen Produktionsfirmen an den Pilotdrehbüchern.

Bedeutet die breite Serien-Offensive gleichzeitig, dass es erstmal keine Prestigeprojekte mehr gibt?

Solche Glamour-Projekte sind immer mal wieder schön, weil sie eine große Wirkung auf die gesamte Industrie haben. "Deutschland 83", international ein großer Erfolg, hat ja im Alleingang die Euphorie für die deutsche Serie in der Branche zu neuem Leben erweckt. Talente sind auf uns aufmerksam geworden, die eine Zusammenarbeit mit RTL vorher nicht in Betracht gezogen haben. Wir halten weiterhin die Augen offen und haben mit z. B. "Das Joshua-Profil" und "Passagier 23" die Verfilmungen der Millionen-Beststeller von Fitzek vor uns.

Wenn "Bad Cop" gut laufen sollte, hat man da ein gutes Line-up am Donnerstagabend gebaut. Aber wie sieht es mit den weiteren Serien aus, die in dieser Saison noch kommen sollen? Die passen auf den ersten Blick nicht so zu "Alarm für Cobra 11".

Bad Cop

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir mittelfristig einen zweiten Abend für deutsche Serien planen. In der Entwicklung haben wir immer schon darüber nachgedacht, welche Produktionen gut zusammenpassen könnten, denn Solitäre funktionieren nicht. Das hatten wir in der Vergangenheit. Das war immer schwierig und wurde dann mancher Produktion nicht gerecht. Im falschen Umfeld kann auch die richtige Serie nicht funktionieren. Sollte von den neuen Serien eine nicht funktionieren, können wir sie übrigens immer noch gut paaren, auch darauf haben wir sehr geachtet.

Wenn Sie sagen, dass Solitäre oftmals nicht funktioniert haben, dann gibt es dafür gute Beispiele. Aber "Club der roten Bänder" bei VOX hat bewiesen, dass es auch eigenständig geht. Vertraut RTL zu oft darauf, dass der eigene Publikumskreis schon einschalten wird und vergisst, über diesen hinaus Zuschauer zu aktivieren? So wirkte es ja auch bei "Deutschland 83".

Natürlich hatten wir uns bei "Deutschland 83" erhofft, additives Publikum für uns zu gewinnen. Und wie wir gesehen haben, ist das eine große Herausforderung. Wie bekommt man Publikum, das bei anderen Sendern zu Hause ist, für besondere Programme zu sich herüber. Aber wenn ich mir "Der Lehrer" anschaue, dann ist es uns dort zum Beispiel gelungen, von Jahr zu Jahr Zuschauer hinzuzugewinnen. Und das in einem Markt, der immer härter umkämpft ist. Das führt natürlich zu der interessanten Fragestellung: Muss man den neuen Serien auch mehr Zeit geben?

Lehrer

Und wie lautet Ihr Urteil?

Ja, wir brauchen mehr Geduld. Es dauert in der heutigen Zeit, bis eine neue Serie überhaupt erst mal Awareness bekommt. Genau aus diesem Grund haben wir längere Staffeln produziert. Also zehn Folgen statt nur sechs. So können Serien überhaupt erst gefunden werden. Deswegen machen wir auch keine Backdoor-Piloten mehr. Der Aufwand rechnet sich nicht und die Quote eines Abends gibt zu wenig Aufschlüsse. Oder es läuft sogar noch irgendein Sonderprogramm dagegen und die Aussagekraft ist gänzlich dahin. Zuschauerbindung entsteht so nicht. Das Publikum wird sich kaum anderthalb Jahre später daran erinnern, dass Serie X aus Film Y entstanden ist.

Zieht man dann den Hut vor einer Serie wie "This is us" in den USA? Wo man das Risiko eingeht, ein Ensemble statt einer Hauptfigur einzusetzen?

Ich find die Serie ganz toll und war beeindruckt, als ich die Pilotfolge gesehen habe. Ich glaube, dass wir theoretisch auch so erzählen könnten. Das ist eine Frage der emotionalen Touchpoints. Bei "This is us" ist einfach alles zusammengekommen und hat auf ganz vielen Ebenen berührt. Die Serie folgt übrigens dem aktuellen Megatrend Familie. Das können wir auch bei uns runterbrechen auf Serien wie unsere Sitcom "Magda". Sie ist auf ihre Weise auch eine Familienserie. In einer unsicheren Zeit liefern solche Geschichten ein Gefühl von Vertrautheit, Sicherheit und Orientierung. Wir haben dafür momentan den besten Sender-Claim im deutschen Fernsehen: "Willkommen zuhause".

Magda

Dabei hat RTL doch viel Erfahrung mit täglichen Serien, die Familienserien in gewisser Weise sehr nahe kommen, weil es sich auch dort immer um die gleichen Charaktere dreht…

Ich verstehe, was sie meinen. Aber wir haben noch nicht den kreativen Output wie der US-Markt. Wir haben gerade eine Autoren-Knappheit. In den USA gibt es eine lange Tradition der Fernsehautoren, da gibt es auch Vorbilder für eine neue Generation von Autoren. Da würde ich gerne einmal hin. Wir haben in Deutschland viele junge kreative Köpfe, aber die können beim horizontalen Erzählen noch nicht an viele Vorbilder des modernen seriellen Erzählens anknüpfen. Da gibt es einen Bora Dagtekin als Galionsfigur. Der steht aber ziemlich alleine. Das entsteht gerade erst, auch durch inzwischen geschaffene Ausbildungen und Förderungen.

Sprechen wir kurz über die Grausamkeit der Quote. Ab welchen Reichweiten würden Sie denn in Betracht ziehen, eine Serie zu verlängern? Was wäre da so das Level Ihrer Erwartungen?

Wir haben sogar bei Sitcoms, die unter Senderdurchschnitt gelaufen sind, über eine Fortsetzung nachgedacht. Es hängt ja auch immer davon ab, was für eine Kurve die Serie über eine Staffel erzielt. Also steigend oder sinkend. Der Durchschnitt allein ist da noch nicht aussagekräftig genug. Dazu kommt dann das Bauchgefühl: Glaubt man, dass man an der Serie arbeiten kann? Grundsätzlich aber ist klar: Jede neue Produktion sollte den Senderschnitt heben, also über ihm liegen. Das ist das Minimum.
 

Das komplette DWDL-Interview finden Sie hier.

Ansprechpartner

Birte Heemeyer

Birte Heemeyer
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