MEHR SELF-MADE GEFĂ„LLIG?
23.03.2017

Deutschlands größter Privatsender probiert viele neue Formate aus.  RTL Programmchef Frank Hoffmann erklärt im Horizont-Interview, wie und warum: Vor zwei Jahren hat die RTL Group angekündigt, mehr Eigenproduktionen ins Programm heben zu wollen, um sich besser von neuen Konkurrenten wie Netflix und Amazon abzugrenzen. Was das konkret bedeutet, zeigt sich überdeutlich beim Flaggschiff RTL. Nach vielen neuen Formaten für den Hauptabend legt Frank Hoffmann als Nächstes Hand an die Daytime an.

Horizont: Herr Hoffmann, die RTL Group setzt konzernweit verstärkt auf Eigenproduktionen. Was bedeutet das für das Flaggschiff RTL, das traditionell einen hohen Anteil an Eigenproduktionen hat?

Hoffmann: "Wir sind der festen Überzeugung, dass es zwei besonders wichtige Zutaten gibt, um langfristig erfolgreich zu sein: Exklusivität und Kreativität. Nur dort, wo wir die Programme exklusiv haben und wo wir sie kreativ beeinflussen können, bleiben wir überdurchschnittlich erfolgreich. Das ist bei US-Serien und -Spielfilmen leider nicht mehr der Fall. Die 100 erfolgreichsten US-Serien im deutschen Fernsehen holen heute – egal, auf welchem Sender sie gelaufen sind – im Schnitt keine 3 Millionen Zuschauer mehr. Vor fünf Jahren waren es noch fast 4 Millionen Zuschauer. Mit unserer täglichen Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" haben wir die Reichweite bei den 100 erfolgreichsten Folgen hingegen im vergangenen Jahr von unter 3 Millionen wieder auf 3,2 Millionen gesteigert. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, in dem sich verändernden Markt, der von immer neuen Sendern und auch Streaming-Diensten wie Amazon und Netflix beeinflusst wird, auf exklusive Programme zu setzen."

GZSZ

Horizont: Leichter gesagt, als getan. Wie findet man die richtigen Stoffe?

Hoffmann: "Mit "Club der Roten Bänder" über schwerkranke Kinder im Krankenhaus bei den Kollegen von VOX und "Magda macht das schon", der Geschichte einer polnischen Pflegekraft bei RTL, gelangen zwei Hits, die im Vorfeld bestimmt keine No-Brainer waren. Es gehört also immer auch Mut und Glück dazu. Wir sind das Thema deutsche Serie bei uns in der Mediengruppe systematisch angegangen. So ist "Magda" aus unserem groß angelegten Sitcom-Pitch hervorgegangen. Die guten Ergebnisse motivieren uns natürlich, denn es zeigt sich, dass wir nach wie vor deutsche Serien auf hohem Niveau setzen können."

Horizont: Aber nicht alle Sitcoms waren erfolgreich. "Triple Ex" lief weit weniger gut. Auch die aktuelle Sitcom "Nicht totzukriegen" tut sich eher schwer.

Hoffmann: "Nicht alles wird sofort zum Hit. Wir gehen mit jedem Projekt ein Risiko ein. Hollywood ist ein Schmelztiegel an Talenten, und trotzdem sieht die Erfolgsbilanz dort im Kino und bei US-Serien nicht anders aus. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir den nächsten Serienhit bereits in der Pipeline haben. Wir hatten einen sehr vielversprechenden Dramaserien-Pitch und haben bereits sechs Piloten produziert. Fünf davon setzen wir nun um. So viele Dramaserien hatten wir noch nie parallel in der Produktion. Die Teams in den Produktionsfirmen und bei uns in der Fiction-Redaktion haben hervorragende Arbeit geleistet. So kommen wir unserem Ziel näher, mittelfristig noch einen weiteren Abend mit seriellen Eigenproduktionen zu besetzen."

Horizont: Dabei ist die deutsche Serie das Leidthema der Sender und Produzenten. 2013 haben Sie auch schon einmal versucht, Nachfolger für "Doctor's Diary" zu finden – leider erfolglos. Warum probieren Sie es noch mal?

Hoffmann: "Dafür gibt es verschiedene Gründe. Mit deutscher Fiction können wir uns als Marktführer absetzen. Denn kleinere Sender können sich dieses Genre nicht an mehreren Abenden leisten. Außerdem zahlen Serien im besonderen Maße in eine Sendermarke ein. Wenn sie funktionieren, kann man sie außerdem noch gut wiederholen. Live-Programme wie Shows oder Sport bleiben ein einmaliges Vergnügen. Ein gutes Beispiel ist die Serie "Der Lehrer", die wir über die Jahre immer weiter justiert haben und die das Publikum begeistert – mittlerweile auch in den Wiederholungen. Beim "Lehrer" wie bei "Magda" stimmt einfach alles: Schauspieler, Regisseur, Autoren, Kamera, Ausstattung, Redaktion. Gutes Fernsehen ist immer eine Teamleistung. Sonst geht die Rechnung nicht auf."

Lehrer_Magda

Horizont: Wovon handeln die neuen Formate?

Hoffmann: "Wir haben die Anwaltsserien "Jenny" und "Plötzlich Anwalt", die Arztserie "Lifelines", das Krimi-Format "Bad Cop" sowie die Dramedy "Sankt Maik". "Sankt Maik" ist eine hinreißende Geschichte von einem Kleinkriminellen, der sich durch Zufälle plötzlich in der Rolle des Gemeindepriesters wiederfindet. Unser Hauptdarsteller Daniel Donskoy ist ein Glücksfall für uns – genauso wie Verena Altenberger in "Magda". Beide Schauspieler sind junge, frische Gesichter, die nun durchstarten werden."

Horizont: Crime und Krankenhaus dominieren das serielle TV-Programm. Vizeum beklagt, dass es im Privatfernsehen zu wenige Formate gibt, die das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit und Geborgenheit erfüllen. Wollen die Zuschauer immer noch so viele dramatische Geschichten? Oder ändert sich gerade etwas, weil die Welt mit Terrorismus und politischen Veränderungen schon bedrohlich genug ist?

Hoffmann: "Das Bedürfnis nach Eskapismus beobachten auch wir. Entsprechend haben wir uns in der Programmentwicklung darauf eingestellt – mit einer Extraportion Humor und Leichtigkeit. Die von Ihnen genannten Themen haben aber auch Auswirkungen an anderer Stelle im Programm: Wir machen jeden Wochentag 5,5 Stunden Nachrichten und Magazine. Wir berichten über die vielfach komplexen, oft beunruhigenden Themen, ob vor der eigenen Haustür oder in der Welt. Wir recherchieren, informieren und ordnen ein. Gerade im Wahljahr 2017 verspüren wir eine große Verantwortung, zumal wir viele Erstwähler, aber auch viele Unentschlossene erreichen. Unser Wunsch ist daher auch, dass es zwei TV-Duelle gibt, wie unser Chefredakteur Michael Wulf erst kürzlich auch öffentlich angeregt hat."

Horizont: Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Hoffmann: "Jedes Duell sollte nur von jeweils zwei Sendern übertragen werden, statt nur eines parallel auf ARD, ZDF, Sat.1 und RTL. Schon aus Fairnessgründen sollte es die Möglichkeit zur Revanche geben. Außerdem wäre es die doppelte Sendezeit und damit die Chance, mehr Menschen zu erreichen und mehr Themen in der Tiefe zu diskutieren. Die Parteien sollten nicht zu taktisch an diese Frage herangehen."

Horizont: Heißt das, die Parteien sind von der Idee wenig begeistert?

Hoffmann: "Wir sind mit den Beteiligten im Gespräch. Vor vier Jahren jedenfalls gab es nur ein Duell. Unabhängig von dieser Frage sehen wir uns in der Verantwortung, in unseren Magazinen und Nachrichtensendungen ausführlich zu berichten. Unser Antrieb ist es, die Fragen der Zuschauer zu stellen, ihnen eine Stimme zu geben. Ich komme aus dem Nachrichtenbereich und kann deshalb aus eigener Erfahrung sagen, dass die Information schon immer eine wichtige und unabhängige Programmsäule bei RTL war. So haben wir uns eine für das Privatfernsehen einzigartige Nachrichtenkompetenz und Glaubwürdigkeit erarbeitet. RTL hat einen Weg gefunden, die Menschen zu erreichen, auch mit schweren und investigativen Themen wie beim "Team Wallraff"."

Wallraff

Horizont: Vom harten Nachrichtengeschäft zu den Shows: RTL lebt von "DSDS", "Dschungel" und "Supertalent". Erst 2016 gab es einen Ruck und Sie haben mal wieder neue Formate probiert. Was ist in dem Bereich zu erwarten?

Hoffmann: "Langlaufende Shows sind Reichweitengaranten – und das oft über mehrere Monate. Für die Werbewirtschaft möchten wir die erste Adresse sein, wenn es um planbare Kontakte jenseits der 4-Millionen-Grenze geht. Raten Sie mal, wie viele der 150 reichweitenstärksten Sendungen im Privat-TV 2016 von RTL kamen?"

Horizont: Die Hälfte?

Hoffmann: "Nein. 147 stammten von RTL. Zwei von Sport 1 wegen der Europa League und eine von Pro Sieben mit "Fack ju Göhte". 97 Prozent der 500 reichweitenstärksten Werbeinseln kamen ebenfalls von RTL. Unsere Shows tragen dazu ganz wesentlich bei. Eine neue Show wie "500 – Die Quiz-Arena", die wir 2016 gestartet haben, ist bei uns im Sommer bei generell geringerer TV-Nutzung gelaufen und hat trotzdem 4 Millionen Zuschauer geholt. Wir haben 2016 so viele neue Programme über Senderschnitt gestartet wie kein anderer Sender, darunter "Ninja Warrior" – der erfolgreichste Showstart seit Jahren. Wir sind entschlossen, das 2017 fortzusetzen. Nicht nur mit den bereits angekündigten Shows "This Time, Next Year" und "Big Bounce", sondern auch mit weiteren neuen Ideen."

Ninja Warrior

Horizont: Dann sprechen wir über die Daytime. Hier hat RTL deutlich Federn gelassen. Die Scripted-Reality-Formate haben an Akzeptanz verloren, was sich auch negativ auf die gesamte Senderperformance auswirkt. 2016 hatte RTL nur noch 11,9 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 59-Jährigen und 12,8 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen, nach 12,2 und 13,0 im Vorjahr. Müssen Sie hier nicht Hand anlegen?

Hoffmann: "Wir sind dabei und fahren zweigleisig. Einerseits versuchen wir, das Genre selbst weiterzuentwickeln. Aber wir arbeiten auch jenseits dessen in andere, verschiedene Richtungen, etwa im Real-Life-Bereich. Auf allen großen Sendern verlieren die gescripteten Doku-Soaps Reichweite und Marktanteil, weil es inzwischen ein Überangebot gibt. Wir haben die Kräfte im Sender gebündelt und arbeiten gerade besonders intensiv an vielen neuen Formaten für die Daytime."

Horizont: Wenn Sie Real-Life machen, unterbrechen Sie den Audience Flow, was immer auch mit Gefahren verbunden ist, weil die Zuschauer dem Sender den Rücken kehren, wenn es ihnen nicht gefällt.

Hoffmann: "Das Risiko müssen wir eingehen, egal, ob bei uns oder anderen Sendern: Man merkt, dass die Zuschauer neugierig sind auf neue Programme. Gegen Jahresende wollen wir hier deutlich weiter sein. Finanziell haben wir guten Spielraum, denn entgegen allen Vorurteilen ist die Produktion der gescripteten Reality nie wirklich günstig gewesen."

Horizont: Die Marktanteile gehen bei RTL wie bei allen großen Sendern bis auf VOX zurück. Auch wegen der Fragmentierung im TV-Markt und weil das Angebot aus der non-linearen Welt wächst. Glauben Sie, dass Sie den Trend noch einmal umkehren können?

Hoffmann: "Wenn wir in der Daytime den richtigen Aufschlag hinlegen – und die Chancen sind gut –, können wir den Marktanteil noch einmal spürbar anheben. Kurzfristig also ein Ja. Langfristig gilt es dann, das hohe Niveau zu halten."
 

MUT ZUR SERIE: RTL SCHIEBT FÜNF NEUE FORMATE AN

Man kann es gar nicht genug loben, wenn sich ein Sender an die Produktion deutscher Serien herantraut. Seit einem Jahrzehnt ist das Genre das Sorgenkind der Branche. Zwischendurch gab es Achtungserfolge wie "Doctor's Diary" (2007) auf RTL sowie "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" (beide 2010) auf Sat.1, doch alle Versuche, daran anzuknüpfen, sind gescheitert. Die Liste der Flops ist lang. Die Zuschauer, so der Eindruck, haben nicht viel übrig für Geschichten aus der deutschen Lebenswelt. Doch nun scheint wieder ein Zeitfenster für neue Ideen geöffnet zu sein. Und mit RTL gibt es einen Sender, der dies unbedingt nutzen will. Von den Sitcoms hat sich immerhin "Magda macht das schon!" als echter Erfolg erwiesen. Dass die Nachfolger "Triple Ex" und "Nicht totzukriegen" weit weniger Zuschauer begeistern, ficht Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann nicht an. Gleich fünf weitere Dramaserien schickt er mit einer ersten Staffel in die Produktion – so viele wie noch nie. Und auch für die anstehende Reform der Daytime zeigt sich Hoffmann offen wie selten. Er ist zuversichtlich, dass RTL damit in dem sich immer weiter fragmentierenden Markt noch einmal Marktanteilsgewinne holen kann. Den Mut dazu hat er auf jeden Fall – und hoffentlich auch die nötige Portion Glück.

Juliane Paperlein

DIE ROLLE DER EIGENPRODUKTIONEN

Die beiden größten deutschen TV-Konzerne Pro-Sieben Sat.1 und Mediengruppe RTL Deutschland verfolgen derzeit unterschiedliche Strategien: Pro-Sieben Sat.1 hat lang laufende Deals mit den größten Hollywood-Studios und setzt vor allem beim jungen Sender Pro Sieben stark auf US-Ware. Die Mediengruppe RTL Deutschland setzt dagegen, ebenso wie der Mutterkonzern RTL Group, vermehrt auf Eigenproduktionen. Die Idee dahinter: Mit der zunehmenden Konkurrenz sowohl an neuen Sendern in der linearen TV-Welt als auch mit Videoplattformen wie Netflix und Amazon wird es immer schwerer, sich mit US-Formaten abzugrenzen, da diese häufig bei vielen Anbietern verfügbar sind. Eigenproduktionen hingegen werden eng mit der Sendermarke verbunden, zumal wenn der Sender die Rechte für die Ausstrahlung über alle Verbreitungswege hält. Hinzu kommt, dass US-Formate in Deutschland nicht mehr die Reichweiten aufbauen, die sie noch vor zehn Jahren erzielt haben, und sich damit weniger gut vermarkten lassen. Bei RTL sind schon heute 90 Prozent aller Timeslots Eigenproduktionen. Das ist der höchste Anteil aller privaten Sender und er soll noch weiter steigen. Bei VOX sind es derzeit über 70 Prozent. "Diese Investitionspolitik werden wir fortsetzen", kündigte Anke Schäferkordt, Chefin der Mediengruppe RTL Deutschland und scheidende Co-CEO der RTL Group, Anfang März an.

Quelle: Horizont (23.03.2017)

 

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