WENN COMPUTER UNSICHTBAR WERDEN – TECHNOLOGIEN FÜR DAS JAHR 2020

VON SASCHA PALLENBERG

2020 erscheint mir ein ähnlich mysteriöses Datum wie damals das Jahr 2000. In den 80er Jahren hatte ich ein BMX-Fahrrad mit BMX 2000 Polstern, und irgendwie wurde alles, was einen Touch von Innovation und Zukunft bekommen sollte, mit dieser Zahl versehen.

Mit 2020 scheint dies ähnlich abzulaufen, ok sagen wir mal, wenigstens für die Automobile-Industrie. Es gibt nicht einen prominenten Hersteller, der nicht das Jahr 2020 angibt, wenn es um die ersten Serienproduktionen von selbstfahrenden Autos geht, und von daher glauben wir das mal einfach.

Jetzt ist so ein Auto neben dem Kauf eines Eigenheims wohl die zweitteuerste Anschaffung, die ein durchschnittlicher Haushalt aufbringt, aber wie sieht es mit den Plattformen und Devices aus, die wir im Schnitt alle zwei bis drei Jahre wechseln? Sitzen wir im Jahre 2020 noch vor dem PC, Notebook oder Tablet? Ist das Smartphone immer noch der wichtigste Kommunikator und mobile Assistent oder verabschiedet sich dieser Markt innerhalb der nächsten gut fünf Jahre?

Zukünftige Batterie- und Display-Technologien werden völlig neue Produktkategorien schaffen. Wearables, aber auch die Smartphones der nächsten Jahre, profitieren hiervon nicht nur, indem längere Akkulaufzeiten ermöglicht werden. Die mobilen Devices der Zukunft werden völlig neue Designkonzepte aufweisen und damit als Bindeglied zwischen der Generation der Smartphones und Tablets und dem sogenannten "Ubiquitous computing" dienen.

Die Devices der Zukunft werden viel mit dem Aufgabengebiet eines Gas- und Wasserinstallateurs zu tun haben. Solange nichts zu sehen ist, funktioniert die Infrastruktur!

SMART CLOTHING ALS MEGATREND DER NÄCHSTEN JAHRE

Stellen wir uns mal eine intelligente Jacke in zwei oder gar drei Jahren vor. Eingearbeitete flexible und hauchdünne Batterien versorgen diverse Sensoren und Prozessoren mit Strom. Stellt ein Temperatursensor einen starken Abfall der Körpertemperatur fest, erhitzt das Akkupack die Jacke und sorgt somit im Winter für wohlige und vor allen Dingen regulierte Wärme. Ein eingebautes Mikrofon im Kragen kann Sprachbefehle entgegennehmen. Entsprechende Ergebnisse werden über ein Headset durchgegeben.

Displays suchen wir vergeblich und wenn wir dann doch mal wirklich eines brauchen, wird das Frontend über einen kleinen Projektor auf jegliche Oberfläche projiziert werden können. Sensoren lokalisieren dann die Koordinaten unserer Finger und werden damit aus jedem Tisch ein riesiges Tablet oder einer Hauswand ein Display à la Minority Report schaffen können. Betrete ich mit dieser Jacke meine Wohnung, schaltet sich au-tomatisch das Licht an, das Headset schaltet sich ab und die Sprachausgabe wird auf die Lautsprecher meiner Stereoanlage umgeleitet, während ich die Jacke an eine Garderobe mit kabelloser Aufladefunktion hänge.

Derartige Kleidungsstücke werden ähnlich viel Computing Power haben wie aktuelle Notebooks und sind mit unseren wichtigsten Devices verbunden. Immer und überall. Sie empfangen Daten aus unseren Schuhen, laden unser Smartphone auf, wenn wir es in eine Tasche stecken und können im Notfall sogar selbständig Polizei oder Notarzt verständigen.

Moment … Ich habe wirklich Smartphone gesagt? Im Jahre 2020?

Ja, auch dann wird es noch Smartphones geben, aber diese werden selbstverständlich mehr Leistung, weitaus bessere Displays (u. a. bessere Lesbarkeit im Sonnenlicht) und vor allen Dingen eine extrem gesteigerte Akkulaufzeit aufweisen. Das Smartphone hat das Zeug dazu in Zukunft den PC als die schnellste Computing Plattform in unseren Haushalten zu verdrängen. Wenn, ja wenn da nicht das Auto wäre.

Das Connected Car wird mit Tausenden von Rechenkernen in die Garage des Connected Home fahren, sich an unser heimisches Netzwerk anschließen und als Server für all unsere Rechenprozesse dienen können.

Die Technologien der Zukunft sind Evolutionen unserer heute bereits eingesetzten, aber mit einem kleinen und sehr wichtigen Unterschied: Sie verbinden sich weitaus einfacher und direkter mit scheinbar alltäglichen Gebrauchsgegenständen. Mobile, Automobile und das Connected Home finden zueinander und stellen die fundamentalen Säulen für unser "Connected Life" dar.

50 MILLIARDEN CONNECTED DEVICES IM JAHRE 2020

Der Netzwerkspezialist Cisco erwartet für das Jahr 2020 über 50 Milliarden sogenannter "Connected Devices". 50 Milliarden Dinge, die irgendwie mit dem Internet verbunden sind, senden, empfangen, Daten produzieren und selbige auswerten. Im Schnitt hätte damit jeder Bewohner dieses Planeten sieben Produkte in seinem Haushalt, die Teil des „Internet of Things“ sind, oder sollen wir besser sagen des "Internet of Everything"?

Was in den letzten Jahren unter dem Schlagwort "Ubiquitous Computing" (abgekürzt UbiComp) gehandelt wurde, ist letztendlich nur eine Variante bzw. geflügelte Beschreibung von omnipotenter Rechenpower. Leistungsfähige Computer werden nur noch so groß wie Manschettenknöpfe sein und früher oder später wohl weniger kosten als ein Glas Wasser, was entsprechend hilfreich für die Distribution dieser Plattformen ist.

Das schwere Notebook, ja selbst Tablets, werden eher der Vergangenheit angehören, und wir bewegen uns langsam aber sicher wieder in Richtung von altbekannten Client-Server- Architekturen. Wieso jedes Gerät noch mit Prozessoren ausstatten, wenn Rechenleistung allgegenwertig ist und ich mich kostengünstig mit einem schnellen Großrechner verbinden kann, der irgendwo am anderen Ende des Planeten in einem Cloud-Datencenter steht und mir unvergleichlich viel Power liefert?

Schnellere Infrastrukturen, die 5, 6 oder gar 7G Netzwerke der Zukunft, Datenübertragungen via Licht, die uns Bandbreiten im Gigabit-Bereich bescheren werden, all diese Technologien werden es uns ermöglichen in der Zukunft Hochgeschwindigkeits- Datenverbindungen aufzubauen und letztendlich nur noch ein Display mit uns rumzuführen.

Wobei, brauchen wir wirklich Displays?

AMBIENT COMPUTING ALS MILLIARDEN-MARKT

Die einen nennen es "Hearables", die anderen "Ambient Computing". Spätestens seit dem großartigen Hollywood- Film "Her" ist diese Form der Interaktion mit einem Computer wieder ein aller Munde, dabei handelt es sich letztendlich um nichts anderes als das Prinzip, welches die Kultserie Star Trek bereits in den 60er Jahren bekannt machte.

Services wie Siri, Google Now oder Cortana tragen wir alle bereits jetzt in unseren Taschen, denn aktuelle Smartphones bieten uns bereits fundamentale Funktionen des "Ambient Computings". Ein Sprachkommando aktiviert den Rechner (man erinnere sich da nur an den bekannten "Computer"-Befehl von Captain Kirk und Co.), der dann auf weitere Eingaben wartet und dann entsprechend Ergebnisse liefert, wohlgemerkt via Sprachausgabe.

Was sich nicht unbedingt spektakulär anhört, ist letztendlich das große Ziel sämtlicher Hersteller, die in irgendeiner Weise Rechner, Smartphones oder sonstige "Datenverarbeitungs"- Plattformen herstellen. Der Computer der Zukunft als Gesprächspartner. Selbst heute ist dies keine Utopie mehr, was u. a. Amazon mit seinem "Echo" beweist.

Eine unscheinbare Röhre, welche – einmal ans Internet angeschlossen – nur auf unsere Eingaben und Fragen wartet. Verbunden mit Datenbanken und Content-Services kann Echo neben simplen Fragen zum Wetter oder der Länge der Golden Gate Bridge auch komplexe Antworten auf aktuelle Ereignisse liefern, Musik auf Zuruf abspielen, Notizen machen, Rezepte vortragen … Die Anwendungsgebiete sind nahezu unerschöpflich bzw. werden nur durch die Auswahl der Services beschränkt.

DIE ZEIT DER RECHENKNECHTE NÄHERT SICH DEM ENDE

Zukünftige Technologien machen Computing unsichtbar und allgegenwertig. Wir können uns auf das Notwendigste beschränken, und das sind letztendlich Displays, Lautsprecher und Mikrofone, mit denen wir dann auf Daten zugreifen werden. Was vor einem halben Jahrhundert, ja selbst vor 20 Jahren noch als Stoff für Science-Fiction-Filme diente, wird innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre Realität und unser tägliches Leben so fundamental beeinflussen und verändern, wie die ersten Internetzugänge.

Sascha Pallenberg ist einer der bekanntesten deutschen Techblogger und Consultants. Er betreibt den Blog Mobilegeeks.de und schaffte es neben Branchengrößen wie David Pogue (NY Times) und Walt Mossberg (Wall Street Journal) zuletzt 2013 auf die Liste der "Top 20 Smart Mobile Device Pundits", welche die zwanzig einflussreichsten Mobile-Computing-Experten weltweit benennt.