QUO VADIS, DIGITALE WELT?

Der Beginn des digitalen Zeitalters wird gemeinhin auf das Jahr 2002 datiert. 15 Jahre später leben wir mit den Produkten und Ergebnissen der Digitalisierung, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Doch manchmal fragen wir uns: Wird die technische Entwicklung immer so weiter gehen? Was kommt als nächstes? Wohin wird uns der Wandel führen?

Digital - total normal

Smartphones, Tablets, Computer, Smart TVs, Wearables – manch einer kann nicht mehr ohne die allgegenwärtigen technischen Begleiter leben. Digitale Werbung auf allen möglichen Screens, im Supermarkt, in U-Bahn-Stationen, im Wartezimmer der Arztpraxis, in der City, auf riesigen LED-Tafeln an Hauswänden, im Sportstadion, Straßen flankierend – nichts Ungewöhnliches mehr. Cloud Computing, Virtual und Augmented Reality, künstliche Intelligenz, Sprachsteuerung, Connected Cars, Big Data, Chat Bots und Livestreaming – wer noch keine Erfahrungen damit gemacht hat, wird zumindest davon gehört oder darüber gelesen haben. Auch wenn vielen oftmals nicht ganz klar ist, was das eigentlich genau ist oder bedeutet. Alles in allem sind die Produkte der Digitalisierung also total normal und längst Bestandteil des täglichen Lebens. Doch bei aller Normalität und Euphorie über die beeindruckende technische Entwicklung, die mit der Digitalisierung einhergegangen ist: Es mehrt sich auch das Unbehagen. Manch einer fühlt sich schon jetzt vom Stakkato der Produktneuerscheinungen, der Flut der Möglichkeiten und dem Informations-Overkill völlig überfordert oder abgehängt. Kein Wunder also, dass immer häufiger der Ruf nach Entschleunigung und Besinnung aufs Traditionelle zu vernehmen ist. Doch die Geister, die wir mit der Digitalisierung riefen, werden wir nicht mehr los. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit ihnen bestmöglich zu arrangieren.

Innovation und Disruption

Es gehört zum Wesen des Menschen, unermüdlich neue Ideen zu entwickeln, sie umzusetzen und die Grenzen des Vorhandenen auszutesten. Stößt er an Limits, ruht er nicht eher, als bis er die damit verbundenen Probleme durch Neuentwicklungen gelöst oder zumindest umgangen hat. Auf dem mit Fehlschlägen gepflasterten Weg entstehen so oftmals Dinge, die die Menschheit eigentlich nicht braucht. Gelegentlich aber sind nutzbringende Innovationen das Ergebnis. Und in seltenen Fällen gelingen echte Disruptionen, also neue Entwicklungen, die vorhandene Technologien, Produkte oder Dienstleistungen ablösen und durch neue ersetzen. Die Digitalisierung ist dafür ein Paradebeispiel.

Exponentielle Entwicklung

Treibender Motor bei der Digitalisierung ist die exponentielle Entwicklung von Computerchips, die immer günstiger, kleiner und rechenstärker werden. In Anlehnung an das viel zitierte mooresche Gesetz verdoppelt sich die Rechenleistung ungefähr alle zwei Jahre. Bislang. Mittlerweile werden jedoch immer mehr Stimmen laut, die das Ende der exponentiellen Dynamik prognostizieren. Denn es ist absehbar, dass früher oder später physikalische Grenzen erreicht werden, die nicht überschritten werden können. Wann genau das sein wird, darüber streiten sich die Gelehrten. Doch ganz gleich, wann das Ende der exponentiellen Mikrochip-Entwicklung erreicht sein wird: Dem ewigen Streben nach technischem Fortschritt wird das mit Sicherheit keinen Abbruch tun.

Weniger Tempo, mehr Nutzen

Eine Folge dieses Strebens sind bislang immer kürzere Produktzyklen – und natürlich der Konkurrenzdruck. So erklärt es sichbspw., warum Smartphone-Hersteller permanent neue Modelle auf den Markt bringen. Wie sinnvoll und innovativ die neuen Modelle tatsächlich sind, sei dahingestellt. Daher wundert es nicht, dass unlängst einer der führenden Technologiekonzerne in Aussicht gestellt hat, die Produktzyklen seiner Smartphones künftig zu verlängern. Begründung: Mangel an bahnbrechenden Neuerungen und sinkende Nachfrage. Erkenntnisse, die vielleicht dazu führen, ein Umdenken einzuläuten. Denn nicht auf Teufel komm raus immer schneller zu sein, steht bei den Konsumenten hoch im Kurs, sondern die Frage nach dem Nutzen und danach, wie etwas das Leben auf welche Art auch immer bereichert.

Ansprechendes Interface

Mit Amazons Echo und Google Home scheint genau das gelungen zu sein. Vergleichbare Produkte, wie Apples HomePod, Microsofts Cortana und Samsungs Bixby, dürften bald auf den Markt kommen. Die Geräte haben gemein, dass sie über eingebaute Mikrofonsysteme, WLAN und Lautsprecher verfügen. Sie können mit zahlreichen Smart-Home-Geräten, Streaming-Diensten und Apps verbunden werden. Der Clou jedoch ist die Sprachsteuerung. Per gesprochenem Befehl kann auf diese Weise z. B. das Licht ein- und ausgeschaltet werden, Musik abgespielt, Nachrichten abgerufen oder Informationen aus dem Internet eingeholt werden. Zwar erfordert die Sprachsteuerung nach wie vor Disziplin in Sachen Syntax und Artikulation, aber sie ist durchaus tauglich und liefert zumeist die gewünschten Ergebnisse. Interessant ist, dass viele Personen, die die Sprachassistenten für eine bestimmte Zeit im häuslichen Umfeld testen konnten bzw. sich dauerhaft angeschafft haben, relativ schnell eine emotionale Verbindung zum digitalen Helfer aufgebaut haben. Sie empfinden ihn als eine Art Familienmitglied, das sie nicht mehr missen möchten.

Erschließung neuer Zielgruppen

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass Kinder einen schnellen Zugang zu den Sprachassistenten entwickeln und sie ausgiebig und spielerisch nutzen. Gerade Kindern, die noch nicht lesen und schreiben können, wird auf diese Weise der Zugang zu Informationsbereichen ermöglicht, für die bislang Texteingabe nötig war. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Spracherkennungsfunktion neue Touchpoints erschließt, an denen die Zielgruppe der Vorschulkinder direkt erreicht werden kann. Auch die oftmals vernachlässigte Zielgruppe der Analphabeten kann von den Sprachassistenten profitieren und gezielt angesprochen werden. In Deutschland gibt es schätzungsweise 7,5 Millionen Erwachsene, die sog. funktionale Analphabeten sind. Das heißt, sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Analphabeten, die nahezu gar nicht lesen und schreiben können, machen etwa vier Prozent der Bevölkerung und damit 2,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren aus.

Mediale Koexistenz

Sprachassistenten bringen also breiten Zielgruppen großen Nutzen. Entsprechend dürfte sich die Nachfrage entwickeln. Und vermutlich wird das gesprochene Wort in Zukunft die manuelle Texteingabe ersetzen, sobald die Technik dafür ausgereift ist und es auf Dauer sinnvoll ist. Doch all jene, die schon jetzt das völlige Verschwinden von Tastaturen und vergleichbaren Eingabemedien prognostizieren, mögen über die zwei folgenden Beispiele nachdenken: Das gedruckte Buch gibt es, allen Unkenrufen zum Trotz, immer noch. Und deutschlandweit dienen nach wie vor rund 500.000 Litfaßsäulen als Werbeträger für Print-Plakate. Quod erat expectandum.